Salon

08/2023Chalmers‘ Realität+, Bauers Realitätsverlust, Filmkritik, Houellebecq, Rahmstorf, Demographie

Ein Leben im Elend wollte und will niemand. Lange vor unserer Zeit hat man sich schon ins Jenseits antizipiert, selbst wenn noch recht viel Leben übrig war. Man ging einfach in die Kirche und ließ es sich vom Fenstergemälde zeigen. Heute spielt man die ganze Zeit auf seinem Handy und verliert sich dabei aus dem Hier und Jetzt. David Chalmers schlägt in „Realität+“ vor, ganz schnell die restlichen weiteren Schritte zu gehen, um alsbald in der neuen, virtuellen Realität zu landen. An Rechenleistung mangelt es uns seiner Meinung nach nicht. Die Algorithmen seien auch zu meistern. Und was wir bald können, kann heute vielleicht schon wer anders. Leben wir nicht längst in fremden Realitäten? Chalmers Buch wird überall gelesen. Wir lesen es heute auch und kontrastieren es mit Joachim Bauers direkter Antwort mit seinem Buch „Realitätsverlust“. Im Anschluss tauchen wir noch ein wenig in Michel Houellebecqs Realität ein, reden über Romane zum Ende des Lebens, Texte zu Meeresströmungen und der Demographie.

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Literatur

  1. Ist David J. Chalmers der größte Philosoph unserer Zeit oder produziert er nur Investorensprech für das Silicon Valley? Wir diskutieren über sein Buch „Realität+“
  2. Joachim Bauer antwortet mit seinem Buch „Realitätsverlust“ auf Chalmers und warnt vor dem Transhumanismus
  3. Michel Houellebecq setzt sich in seinem Buch „Einige Monate in meinem Leben“ mit seinen jüngsten Skandalen auseinander
  4. Das Wasser strömt wie Winde durch die Ozeane. Stefan Rahmstorf legt für Spektrum.de den Fokus auf die AMOC-Strömung. Sie transportiert weniger Wasser als der Golfstrom nach Europa, dafür aber weit mehr Wärme. Noch.
  5. Die Geschichte erschien bereits 1957, aber sie ist hochaktuell. Science-Fiction-Autor hat mit „Die Prüfung“ (engl. Titel: „The Test“) eine kluge Geschichte über staatliche Suizidhilfe geschrieben
  6. Lauren Leatherby schreibt in der NYT über die Welt als Altenrepublik. Die Redaktion hat die Daten dazu auf hervorragende Weise visualisiert.
  7. 58 Jahre lieben sie sich schon, jetzt kann er sie an manchen Tagen nicht mehr erkennen. Helga Schubert legt mit „Der heutige Tag“ ein wunderbares „Stundenbuch der Liebe“ vor
  8. Die OMR haben 600 Frauen nach ihrem Arbeitsleben mit Kindern oder Kinderwünschen befragt. Die Sachlage ist bedenkenswert. Dazu auch ein kleiner Text bei Elle.
  9. Gute Nachrichten: Yasmin Osman schreibt im „Handelsblatt“ über Kreditvergabe und Klimakriterien
  10. Im „Guardian“ empört sich Filmkritikerin Manuela Lazic über Influencer bei Filmpremieren und den Ausschluss der kritischen Presse
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Wolfgang
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Stefan
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Mathias

11 Gedanken zu „Chalmers‘ Realität+, Bauers Realitätsverlust, Filmkritik, Houellebecq, Rahmstorf, Demographie

  1. Aaron S.

    Vorsicht! Was Chalmers in Bezug auf Berechenbarkeit der Quantenzustände mit Bezug auf die Sims sagt, hat seine Begründung in der Informatik.
    Dass es eventuelle Prozesse in der Quantenmechanik gibt, die, wie Penrose vermutet, nicht berechenbar sein könnten, ist qualitativ zu trennen von der Berechnung einer Schneeflocke oder des Wetters, wie Stefan anmerkt.
    Berechenbarkeit bedeutet in der Informatik grob gesagt, dass es einen Algorithmus gibt, der für den gegebenen Input nach endlich vielen Schritten terminiert und ein eindeutiges Ergebnis liefert.
    Das ist qualitativ zu unterscheiden von der Berechnung des Wetters, denn hier gibt es ganz sicher diese Algorithmen zur Berechnung. Die Gründe, warum diese Berechnungen oft nicht genau sind, sind die, dass wir nicht über genügend Rechenleistung verfügen und nicht genaue Kenntnis aller erforderlichen Anfangsbedingungen haben.
    Bei Berechenbarkeit geht es jedoch nicht um Rechenpower oder um Anfangsbedingungen, da Chalmers ja sowieso davon ausgeht, dass der nächst höhere Gott uns simuliert.
    Unberechenbarkeit beschreibt daher die logische Unmöglichkeit überhaupt einen Algorithmus zu schreiben, der diese Quantenprozesse beliebig genau berechnen kann.
    Als Beispiel kann ich erwähnen, dass es unberechenbare Zahlen gibt. Das sind Zahlen, für die kein Algorithmus entworfen werden kann, der bei Input n die n-te Nachkommastelle ausgibt. Man könnte denken, dass solche Zahlen sehr merkwürdig und irrelevant sind, allerdings kann man zeigen, dass wenn man zufällig eine reelle Zahl auswählt, diese mit Wahrscheinlichkeit von 0% berechenbar ist, oder anders gesagt: die Zahl wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% unberechenbar sein. Berechenbare Zahlen sind also viel seltener als unberechenbare.
    Das Problem für Chalmers ist, falls diese potentiell unberechenbaren Quantenprozesse wirklich einen Einfluss auf das menschliche Leben haben, dann wäre das ein Beweis dafür, dass auch kein Gott unser Leben durch einen Algorithmus simulieren kann.

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  2. Anna-Katharina Jung

    RE: AMOC Kipppunkt

    Nach der Masse an Text und Daten, ist es noch einmal wichtig, auf das wichtigste hinzuweisen:

    1. „Und heute ist eine dritte vergleichbare Studie von dänischen Kollegen erschienen, Ditlevsen & Ditlevsen 2023*, die den Kipppunkt schon um 2050 erwartet, mit einem 95%-Unsicherheitsbereich in den Jahren 2025-2095. (Dazu mein Spiegel-Kommentar.) Einzelne Studien haben immer Schwächen und Grenzen, aber wenn mehrere Studien mit unterschiedlichen Daten und Methoden auf einen bereits recht nahen Kipppunkt hinweisen, sollte man dieses Risiko meines Erachtens sehr ernst nehmen.“

    2. Die Daten Studie ging ja überall durch die Medien**, weil, laut dieser Daten Studie, der Kipppunkt durch die Eisschmelze auf Grönland und dem Nordpol näher bevorsteht als der letzte IPCC Bericht noch projizierte (’nicht vor 2100′).

    * https://www.nature.com/articles/s41467-023-39810-w
    ** https://www.theguardian.com/environment/2023/jul/25/gulf-stream-could-collapse-as-early-as-2025-study-suggests

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  3. Anonymous

    Ist das Problem mit der Simulation oder „ich bin ein Gehirn in einem Glas“ nicht, dass man es eig nicht beweisen kann? So der Satz wird wahr, weil ich ihn annehme, aber sobald ich ein Beweis oder Widerlegung formulieren will, kann ich sagen, dass das auch nur simuliert wäre oder dass ich dafür wieder die Annahme der Simulation brauche.

    zu Taylor Swift-Musik: dafür dass das alles neurologisch geprüft sein soll, ist die Musik immer noch ziemlich mittelmäßig und austauschbar. Dazu z.B. „Todd in the Shadows“ https://youtu.be/wYiHbOCD8Vk (der Abschnitt, wo es um Sound geht, dasselbe findet man auch bei ihrem Song „Blank Space“, bei den restlichen Liedern von ihr scheint es recht in Ordnung zu sein, aber es ist sehr viel Persona und Star-darstellung am Werk)

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    1. Aaron S.

      Ja und das wurde ja auch schon vor 400 Jahren von Descartes durchgespielt. Er kam damals zu dem Schluss, dass Gott existiert und da Gott gut ist, täuscht er uns nicht. Also ist das was wir Wahrnehmen Realität.
      Ein Beweis ist das natürlich nicht. Man sieht aber, wie platt hier ganz alte Diskussionen recycelt werden.

  4. Kai

    In dieser Folge schien es mir, als sei Euch der Hörer wurst. Bitte sprecht über Dinge, die Ihr nicht empfehlen könnt, nicht derart lange. Redundanz ist verbrecherisch.

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    1. Stefan Beitragsautor

      Wir besprechen Texte die wir wichtig finden, nicht die du als nächstes kaufen sollst…

  5. Anonymous

    Bzgl. Wolfgangs Aussagen zur Mobilität:

    Die aktuell stark wachsende On Demand Verkehre (Beispiel RMV https://sites.rmv.de/de/ondemo) sollten hoffentlich bis zum Ende des Jahrzehnts zumindest eine ernsthafte Alternative zum Individualverkehr werden (laut VDV Studie https://www.vdv.de/ondemandumfrage22.aspx), sind aber durch die geringe Insassenanzahl pro Fahrer sehr defizitär. Hinzu kommt das Problem, dass wir aufgrund des demografischen Wandels jetzt schon zu wenig Fahrpersonal haben und eine entsprechend wachsende Anzahl an öffentlichen Fahrzeugen alleine wegen des Fahrermangels nicht umgesetzt werden kann. Der Fahrermangel war ebenfalls ein Baustein der seitens Taxi-Lobby sehr umstrittenen PbefG Novelle (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/personenbefoerderungsgesetz-novelle-2021), die für die Plattform-Lobby Hürden abgebaut hat, aber ebenfalls ermöglicht hat, mehr Fahrpersonal auf der Straße zu haben.

    Daher wäre die zweite Komponente in der Mobilitätswende in Richtung eines Ersatzes des Individualverkehrs, dass die Fahrzeuge auf kurz oder lang autonom betrieben werden. Hierfür gibt es bereits Programme in Deutschland (https://www.abendblatt.de/hamburg/article237184943/verkehr-hamburg-bekommt-10-000-autonom-fahrende-moias-und-iokis.html) aber auch sehr viel größere in z.B. Oslo, die dort planen, bis 2030 den Individualverkehr aus Oslo zu verbannen und mit 30.000 autonomen Shuttles zu ersetzen. Wenn man dies für das Land weiterdenkt, wären Mobilitätshubs möglich, von wo aus die Dörfer oder ländliche Bereiche erreichen könnten – einfach per App buchbar (auch wenn das für Wolfgang schwierig werden könnte). An der Technologie hapert es zwar noch, aber sie macht Fortschritte (wenn auch leider eher internationale Player als deutsche: https://www.youtube.com/watch?v=A1qNdHPyHu4).

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  6. Paul

    Entschuldigung, falls ich mich wiederhole, aber ich möchte gern noch einmal betonen, dass Wolfgang hier leider Strohmänner aufmacht mit seiner Argumentation zur Letzten Generation. Es wird ihnen unterstellt, die LG möchte den Individualverkehr komplett abschaffen und das stimmt einfach nicht. Wie gesagt, ihre Forderungen kann man konkret nachlesen (s. https://letztegeneration.org/forderungen).

    Man kann über die Frage diskutieren, ob man die Protestform „gut“ findet oder ob sie dem Arbeiterprotest nützt. Das ist aber eine reine subjektive Debatte. Das weiß Wolfgang ja auch.
    Man sollte dabei aber auch bedenken, dass neben den o.g. Forderungen die LG selbst sagt, dass sie das macht, um entsprechend in den Medien Beachtung zu finden, da das bei all ihren Protesten davor (die Wolfgang sicher als zielgerichteter/nützlicher/whatever emfinden würde) bisher nie klappte.

    Ob man das nun der Unterstützung anderer Sozial-, Arbeiterbewegungen etc. vorziehen sollte, kann man diskutieren. Aber dann bitte unter den richtigen Vorzeichen und der Prämisse, dass man die Ziele der LG verstanden hat. Vielen Dank.

    PS: Kann man natürlich nicht verlangen, aber es wäre wünschenswert, wenn dann auch alle Kommentare hier gelesen würden und sich nicht auf ein paar Spinner in den Instagram DMs beschränkt würde, die AFD-Vergleiche ziehen. Hier im Kommentarbereich findet man durchaus sinnvolles Feedback.

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  7. Julian

    Zum 5. Punkt auf der Literaturliste – dort steht nur „Science-Fiction-Autor [hier scheint der Name zu fehlen] hat mit „Die Prüfung“ (engl. Titel: „The Test“) eine kluge Geschichte über staatliche Suizidhilfe geschrieben“
    Ich würde mich für die Geschichte interessieren, kann jedoch nirgendwo etwas dazu finden. Könntet ihr oben vielleicht noch den Name des Autors ergänzen und vielleicht einen Link zum Werk einfügen?

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