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05/2024Wohnbau-Apokalypse, Schuldenbremsenlogik, Struktureller Realismus, Bürgergeld-Automatismen, Selektiver Universalismus, 52 Grad in Indien

Wir alle wohnen, schließlich kann man nicht nicht wohnen. Aber wie wohnt man, und wer bekommt das ganze Geld? Hat man welches, geht es noch. Aber Geld allein reicht schon nicht mehr, man braucht auch Geduld und Glück. Die neue 3G-Regel. Wir hören uns an, wie im Mai über das Wohnen gesprochen wurde, und es schaudert uns. Mit der Realität und ihren Härten konfrontieren sich auch Politikwissenschaftler, die neuerdings in Deutschland Gehör finden. Sie lassen von den Sonntagsreden ab, verteidigen den Hegemon, der ihr Gehalt zahlt, nicht und durchdenken die große Politik spieltheoretisch. Wir hören sie uns an und lassen uns ein Stück weit vom sonstigen Gerede erlösen. Gegen Ende greifen wir einen neuen, paradoxen Grundbegriff auf: selektiver Universalismus. Die Erklärungen dessen, was zu erklären ist, werden immer verrückter.

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Stefan
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Mathias

8 Gedanken zu „Wohnbau-Apokalypse, Schuldenbremsenlogik, Struktureller Realismus, Bürgergeld-Automatismen, Selektiver Universalismus, 52 Grad in Indien

  1. Malte Feldtmann

    Hallo Stefan,
    Sehr schade, dass dir die Doppelstandards von Greta Thunberg und vielen anderen Gaza-Aktivist*innen nicht gewahr sind. Gerade vor dem Hintergrund, dass ein Teil der Folge als selektiver Universalismus betitelt ist. Das macht das Hören immer etwas unangenehm.
    Sie ist wirklich von vorne bis hinten verloren und ich verstehe nicht wie du daran noch Zweifel haben kannst – ich will hier aber zunächst nur einen Punkt machen, der der Forderung nach Universalismus auch unmittelbar Rechnung trägt.
    Mit soviel Medienwirksamkeit und damit auch einer gewissen Verantwortung regelmäßig einen Waffenstillstand zu fordern aber die verbliebenen Geiseln mit keinem Wort zu erwähnen könnte von Universalismus nicht weiter entfernt sein.
    Ich will hier nicht in die gleiche Kerbe schlagen wie einige andere man müsse den 7. Oktober jedes Mal mit verurteilen, wenn man über Gaza spricht. Das denke ich nicht, auch wenn mich stört wie wenig darüber gesprochen wird. Der 7. Oktober liegt, bei all seiner Grausamkeit, in der Vergangenheit und das Leid der Bewohner*innen von Gaza dauert noch an. Von einem universalistischen Standpunkt finde ich es aber nicht zu viel verlangt, das andauernde Leid der Geiseln auch zu erwähnen, vielleicht sogar deren Freilassung zu fordern. Könnte man mal drüber nachdenken.

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  2. MF Främd

    Zu dieser Beisenherz-Frage/Kommunikation (ich meine das Folgende nicht diffamierend oder diskriminierend):

    Das erinnert doch sehr an Familien-Situationen, in den Eltern eine narzisstische oder andere psychische Störung oder Erkrankung haben. Wenn Kinder beständig dazu gezwungen sind, mehr auf die Gefühlslage und die Wünsche des betroffenen Elternteils Rücksicht zu nehmen anstatt über das eigene Gefühlsleben zu lernen/ sich selbst und die eigenen Wünsche kennenzulernen.
    Das ist doch eine juvenile Haltung. Was ist denn die Idee dahinter? „Vater Staat“?
    Bei dem man dann bloß nichts Falsches sagen oder „zu viel“ für sich einfordern „darf“? Psychologisierende Zeiten.
    Über 200 Jahre sapere aude. Lief gar nicht mal so gut.
    Sollte man als erwachsener Mensch, zumindest keine Angst haben (wenn schon kein Mut vorhanden oder man selbst gesättigt ist), die eigenen Wünsche zu äußern?

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  3. T.

    Hallo zusammen,
    ich habe eine Literaturempfehlung zum Thema Krieg. Das neue Buch des Soziologen Michael Mann „Über Kriege“ ist Ende Mai auf Deutsch erschienen. Er beschäftigt sich u.a. mit Theorien zu Kriegsursachen und der Frage, ob Kriege „rational“ sind – das alles im Durchgang durch die Weltgeschichte anhand zahlreicher Bespiele. Ich lese es gerade und finde es bis jetzt sehr interessant. Vielleicht ist es ja auch etwas für den Podcast, wenn auch nur am Rande.
    Viele Grüße

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  4. T.

    Zum Thema „struktureller Realismus“:
    Ihr diskutiert den sogenannten „Realismus“ als Theorie der Internationalen Beziehungen sehr unkritisch und geht eigentlich dem billigsten rhetorischen Move dieser Denkschule schon auf den Leim, nämlich sich als „realistisch“ von den anderen Theorien (sprich den „Idealisten“) abzugrenzen. Konkurrierende Theorien in den Internationalen Beziehungen machen aber meistens auch keine normativen „So soll es sein“-Aussagen. Und sie nehmen ebenfalls die Bedingungen von Anarchie zur Kenntnis. Es wäre aber unplausibel, davon auszugehen, dass das Selbstverständnis von Eliten, die Konstruktionen nationaler Identitäten und gemeinsame Normen uvm. in den internationalen Beziehungen (oder für das Anfangen von Kriegen) gar keine Rolle spielen und Staaten nur nüchtern kalkulierende rationale Akteure sind. Mag schon sein, dass die beiden Interviews irgendwie eine nette Abwechselung im deutschen politischen Diskurs darstellen, aber nur weil Mearsheimer mit Welterklärerattitüde in ein Mikrofon spricht, sind die Annahmen dieser Theorie noch nicht überzeugend. Den Schlussfolgerungen, die er und andere Realisten aus den Grundbedingungen eines internationalen anarchischen Systems ziehen, liegen selbst normative Vorstellungen darüber zugrunde, was ein Staat (wenn das überhaupt ein solitärer Akteur sein kann) „natürlicherweise“ tun sollte, was die „richtige“ Weltpolitik ist. Der (Neo-/ Strukturelle-)Realismus wurde vielfach, sehr sinnvoll kritisiert (klassisch von Wendt „Anarchy is what states make of it“, aber auch viele weitere). Er hat sicher in seine Berechtigung. Eure Diskussion vermittelt allerdings zeitweise den Eindruck, alle anderen politikwissenschaftlichen Ansätze seien normative Träumereien – und das ist Quatsch.

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  5. Dominik

    Zum Hobbschen sog. „Naturzustand“
    Ich bin da ganz bei Stephan! Was bringt mir diese noch so schöne Metapher, wenn sie nicht im Ansatz dafür geeignet ist, die Wirklichkeit zu erklären.
    Ich möchte insistieren, diesem Quatsch von der Rede der Menschennatur nicht eine Sekunde länger auf den Leim zu gehen! Die Ansage Hobbes‘ ist ein reiner Widerspruch – so macht man keine Wissenschaft: Entweder die Leute wollen sich ans Leder: dann ergibt es keinen Sinn, dass sie sich eine Gewalt herbeiwünschen, die sie daran hindert; Oder aber, sie wollen doch lieber sich gegenseitig in Ruhe lassen – ja dann sollen sie sich eben in Ruhe lassen und nicht eine große Autorität herbeisehnen. Die ganzen Überlegungen leuchten einem nur dann ein, wenn man erst einmal aus dem Menschen einen Privateigentümer mit Vorteilsabsicht in der Konkurrenzwirtschaft gemacht hat. Was aber mit dem natürlichen Verhalten des Menschen dann freilich nicht mehr viel zu tun hat.
    Die Überlegungen der alten Naturrechtslehrer taugen überhaupt nur dazu, sich gute Gründe einleuchten machen zu lassen, weshalb eine gewalttätige Staatsgewalt ein Segen und nicht eben das: Gewalt ist.

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  6. M

    Danke Wolgang und Stefan, es war wie immer eine super Folge.
    Ich möchte allerdings noch auf die eklatanten Schwächen des strukturellen Realismus und seine Gegenmodelle der International Relations (IR) hinweisen, weil mir die im Beitrag zu kurz gekommen sind.

    1) Interne Faktoren werden ausgeklammert
    Innerstaatliche Akteure spielen eine entscheidende Rolle. Machthaber wollen an der Macht bleiben und handeln nicht zwingend im sicherheitspolitischen Interesse ihres Staates. Mearsheimer nennt Kritiker häufig naiv, aber ist es nicht genauso naiv zu glauben, dass ein Diktator nicht alles unterordnen würde, wenn es um den eignen Machterhalt geht? Ich bin keiner Anhänger einer bestimmten Theorie in IR, aber ich möchte mal den Kontrast darstellen: Die Liberale Theorie in International Relations könnte beispielsweise argumentieren, dass Putin sein System und seinen Macht durch eine funktionierende Demokratie im Nachbarstaat (mit historischen und kulturellen Verbindungen bzw. Ähnlichkeiten) gefährdet sieht und deshalb die Ukraine für Jahrzehnte destabilisiert. Ein ganz aktuelles Literaturbeispiel wäre: Russia and Ukraine: Entangled Histories, Diverging States by Maria Popova and Oxana Shevel

    2) Ideelle Faktoren spielen eine Rolle
    Die konstruktivistische Sicht der IR könnte argumentieren, dass Putin die Idee eines mächtigeren Russlands wie zur Zeiten der Sowjetunion oder des Zarenreiches verfolgt und auf Basis dieser Idee handelt. Auch in diesem Falle hat der Einmarsch in die Ukraine keine sicherheitsfördernde Wirkung für den Russischen Staat. Im Gegenteil, für die Sicherheitsinteressen Russlands war der Krieg eine Katastrophe wenn man sich die militärischen Verluste ansieht, von den wirtschaftlichen und innerstaatlichen Turbulenzen ganz abgesehen (aber die klammern wir im Sinne des Realismus mal aus). Russland befindet sich in der vom Realismus postuliereten Welt der Anarchie in einer schlechteren, weil unsichereren Position als vor dem Krieg. Folgendes Buch ist dazu spannend: International Security in Practice: The Politics of NATO-Russia Diplomacy by Vincent Pouliot

    3) Great Powers
    Auch der Fokus auf das Dreieck (USA, RU, CH) scheint nicht plausibel. Wenn diese drei Mächte als Great Powers bezeichnet werden, stellt sich die Frage, was denn die Kriterien sind. Atomwaffen können es nicht sein, weil andere Staaten auch Atomwaffen besitzen. Selbst die Menge an Atomwaffen kann auch nicht relevant sein, weil China weitaus weniger besitzt als die anderen beiden und es ohnhin nur um die Fähigkeit zum Zweitschlag geht. Wirtschaftlich betrachtet, kann Russland nicht mithalten, demographisch ebenso wenig. In beiden Fällen wäre Indien bedeutsamer einzuschätzen. Was sind dann also die Kriterien? Gibt es Great Powers überhaupt? Hierzu gibt es einen spannenden Artikel von Phillips P. O’Brien: There’s No Such Thing as a Great Power – How a Dated Concept Distorts Geopolitics im Magazin Foreign Affairs

    Da von euch auch immer wieder auf die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen hingewiesen wird, möchte ich euch beiden auch noch folgenden Text empfehlen, weil er eure berechtigten Warnungen noch um ein paar spannende Aspekte ergänzen könnte: The Nuclear Taboo: The United States and the Non-Use of Nuclear Weapons since 1945 by Nina Tannenwald

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  7. Kritiker

    Wundervolle Folge und ein dickes Lob!
    Dennoch Kritik zu Stefan Geographiekenntnis. Afrika hat 30 Millionen km² und Europa 10 Millionen. Ergo ist es „nur“ dreimal so groß. Indien hat 3,3 Millionen km² was etwas weniger ist, als die 3,9 Millionen km² Anteil Russland an Europa, welches im übrigen 17 Millionen km² groß ist. Und somit ist Russland etwas mehr als die Hälfte Afrikas in Fläche gemessen. Außerdem ist eine Karte, welche die politische Situation wiedergibt nicht so aussagekräftig, denn alleine die Wüste Sahara ist über 9 Millionen km² groß und es gibt neben der Sahara auch noch die Wüste Namib sowie zwei sehr große Halbwüsten, nämlich die Kalahari und die Karoo in Afrika. Zusammen also circa 10 1/2 Millionen km² quasi nicht für den Menschen (Plural) bestimmt. Also bleiben noch 20 Millionen km², welche wiederum zu einem großen Teil aus Savannen bestehen mit ausgedehnten Trockenzeiten, vorallem die Sahel (ca. 3 Millionen km² und mindestens zur Hälfte semi arid). Und auf einmal hat Afrika für Zivilisation bedeutend weniger Raum.
    Die Diskussion warum Asien und Europa nicht als ein Kontinent betrachtet werden soll, kann ich voll nachvollziehen, aber da ihr über Realismus redet, kommt das philosophieren über den Istzustand mindestens fehlplaziert. Sorry.
    Trotzdem nochmals vielen Dank für den Inhalt der Folge, es war ein Vegnügen.

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