Salon

Wir lesen12/2023Extremely Online, Sauhund, Autofahren, Migration, Trumps Sprache, Krawatten, Immobilien in Frankfurt

Extremely Online, das sind wir heute alle und das auch schon seit einer Weile. Über die Wegstrecke die nun hinter uns liegt hat Taylor Lorenz, selbst hyperaktive Teilnehmerin der Internetgeschichte nun ein Buch geschrieben. Wir lesen es als historisches Standardwerk. Wir gehen also zurück in die Modem-Antike, sind zurück im Blogospheren-Mittelalter, erleben die Youtube-Neuzeit und über kurz oder lang münden wir alle in der TikTok-Gegenwart. Die Geschichte ist natürlich gewaltiger, als sie sich in einem Buch aufschreiben lässt. Also spielt – wie im Internetzeitalter üblich – der Nutzer eine gewichtige Rolle. Da wir es mit einem Buch zu tun haben, sprechen wir aber vom Leser. Wir lesen also verantwortungsvoll über unsere eigene Geschichte und ergänzen die Empirie mit spontaner Analyse. Danach entführt uns Wolfgang ins historische München, es wurde in einem Roman eingefangen. Wir debattieren die neusten Argumente zum autonomen Autoverkehr, besprechen Youtubes Macht und (ausbleibende) Verantwortung und wie stets noch dies und das.

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Literatur

  1. Was geschah eigentlich im Internet in den vergangenen 20 Jahren? Zwar haben wir mit unseren Tablets, Laptops und Smartphones laufend geklickt, geliket und retweetet, doch uns fehlt der Überblick. Einen solchen legt nun Tech-Journalistin Taylor Lorenz mit ihrem spannenden Buch “Extremely Online. The Untold Story of Fame, Influence, and Power on the Internet” vor
  2. Was denken derzeit konservative Intellektuelle in den USA über den Krieg in der Ukraine? Der Artikel “The American Origins of the Russ-Ukrainian War” von Christopher Layne and Benjamin Schwarz ist überraschend
  3. Lukas Märtin und Carl Mühlbach erklären im Verfassungsblog, wie weitreichend das „Schuldenbremsen“-Urteil war
  4. Ein sensationeller Debütroman! Lion Christ erzählt in “Sauhund” furios die Geschichte von einem, der aus der bayerischen Provinz auszog, um ins schwule München der 80er Jahre zu taumeln, zu cruisen und zu driften
  5. Eine Migrations-Debatte mit umgekehrtem Vorzeichen: Marcel Fratzscher schreibt in der Zeit über die Not, für Zuwanderer attraktiver zu sein
  6. Das vollautonome Fahren wird nicht kommen. Morgen nicht und auch nicht in 50 Jahren, sagt und begründet Ralf Otte, Professor für Automatisierungssysteme an der TH Ulm, in der F.A.Z.
  7. Michael C. Bender and Michael Gold haben Donald Trump aufs Maul geschaut. In der New York Times dokumentieren sie die gefährliche Sprache des Wahlkämpfers ums amerikanische Präsidentenamt
  8. In Frankfurt schließt eine Bierbrauerei, aber der Arbeitskampf war durchaus erfolgreich und die Bürger der Stadt sind auch alarmiert. Die Gemengelage erklärt Milsa Atav in “Sozialismus”
  9. Youtube kümmert sich nicht mehr um Deepfakes, schreibt Casey Newton. Das Problem sollen andere lösen
  10. Wird die Krawatte aussterben? Nein, sagt Vanessa Friedman in der “New York Times”, aber ihre Antwort ist trotzdem traurig
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Stefan
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Wolfgang
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Mathias

14 Gedanken zu „Extremely Online, Sauhund, Autofahren, Migration, Trumps Sprache, Krawatten, Immobilien in Frankfurt

  1. Daniel

    Hallo Ihr beiden,

    hier ein paar Worte zur Quelle zu autonomem Fahren. Der Prof scheint nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Technik zu sein.

    Der bisherige Ansatz war, dass man ein von Menschen lesbares Umweltmodell hat, in das einzelne Machine Learning Modelle ihre konkret erkannten Objekte und Spuren einpflegn und auf dessen Basis dann letzendlich Fahr-Entscheidungen getroffen werden.
    Dazu muss für jedes bekannte Muster entschieden werden, ob es von einem relevanten Typ ist.
    Diese absolute Festlegung erfordert, dass alles was Einfluss auf das Fahrverhalten haben soll klassifiziert wird.
    Halb verdeckte Objekte fallen schnell unter die Erkennungsgrenze.
    Sie müssen es, da sonst auch Strukturen mit geringer Ähnlichkeit fehlinterpretiert werden.
    Das führt zu andauerndem Flackern in der Erkennung und entsprechend hakelig verhält sich die Steuerung.
    Mit dem Ansatz führen unklare Situationen schnell mal zu Unfällen.

    Das ist aber alt. Der neue Ansatz ist, dass die eigentliche Lenk- und Beschleunigungsdynamik von einem durchgängigen Netz gesteuert werden, das Aktivierungen ohne Bruch direkt von den Kameras bis zur Steuerungsentscheidung durchreicht. Beim Training werden Trainingsdaten (z.B. Videoaufnahmen von Tesla-Fahrten der letzten Jahre) direkt mit den Fahr-Entscheidung der menschlichen Fahrer in Korellation gebracht. Treten statistische Häufungen von selbst für uns Menschen unterschwellige Muster auf, bekommen diese in Kombination Einfluss auf das Fahrverhalten. In einem Zwischenschritt wo jedes Muster für sich stehen muss, um weitergereicht zu werden, würde diese Information verloren gehen. Aber ein durchgängiges Netz erlaubt, selbst Details wie Signale von Passanten bis hin zu unterschwelligen Bewegungen des Fahrers zu berücksichtigen, ohne diese je klassifiziert zu haben. Das autonome Auto verhält sich dann entsprechend der interpolierten Reaktion der echten Fahrer in Contexten wie diesem. Wir bekommen also wirklich eine menschliche Fahrdynamik, die sich an den Verkehr und die Umgebung anpasst. Inklusive Geschwindigkeitsübertretungen um im Verkehr mitzuschwimmen, oder vorsichtigem Fahren in Gegenden, wo die Umgebung verrät, dass Schlaglöcher zu erwarten sind. Das Netz lernt sich wie Menschen an komplexe oder unübersichtliche Kreuzungssituationen heranzutasten, bekommt ein Gefühl dafür, selbst bei grün zu warten, weil Autos bremsen werden müssen, weil es hinter der Kreuzung nach Stau aussieht.
    Man braucht halt Masse und Diversität an Trainingsdaten um z.B. auf alle möglichen nicht standardisierten Pilon-Verteilungen reagieren zu können. Dank Tranformer-Architektur (durch die z.B. Large Language Models möglich wurden) können die Netze über Sets spezifischer Contexte interpolieren und so z.B. implizite Botschaften der nicht exakt regeltreuen Pilon-Verteilung erfassen. So wie wir auch wir Menschen diese interpretieren würden.
    Das ist die Magie von Big Data, die in destilierter Form in vielleicht 10-100GB passt. Sehen die Pilone in einem Land anders aus als im anderen, braucht es noch mal ein paar Trainingsdaten, um dem Netz beizubringen, dass sie die selbe Bedeutung haben, aber wir brauchen nicht nochmal sämtliche Konstellationen in den Trainingsdaten. Das war vor Transformern noch anders.

    Ich prognostiziere, dass mit diesem neuen Ansatz möglich wird, selbst auf Passanten zu reagieren, die noch dem Gehweg folgen, aber sich so verhalten, als ob sie bald die Straße überqueren möchten. Ich glaube, dass autonome Fahrzeuge bald rein teschnisch selbst in indischen Städten im Verkehr mitschwimmen können. Das herkömmliche Modell wird evl. weiterhin parallel mitrechnen und eine Notbremsung auslösen, wenn ein potentieller Zusammenstoß bevor steht, aber dem dynamischeren Modell wird die Fahrenstscheidung überlassen werden, die konkrete Regeln bis zu einem gewissen Grad dehnen darf.

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  2. Markus

    Hallo Neue Zwanziger Community,

    ich habe für den 21.12.2023 noch eine Karte für die Kaes in Frankfurt am Main übrig. Ich dachte ich würde noch jemand finden, der mit mir dort hingeht. Jetzt gehe ich eben alleine und habe eine Karte übrig. Ich würde die durchaus auch verschenken. Es ist ja bald Weihnachten.

    Gerne einfach mal melden!

    Liebe Grüße,
    Markus

    PS: Kontakt z.B. via Kontaktformular

    Antworten
    1. Sara

      Hi Markus,
      falls die Karte noch verfügbar ist, kaufe ich Dir diese gerne ab.
      Hier meine email:sara.s@gmx.org

      Danke Dir und liebe Grüße

      Sara

  3. John Campus

    Hallo Wolfgang, hallo Stefan. Danke auch für diese Folge und die guten Buchempfehlungen. Kurze Frage an Stefan: Was war das für eine Veranstaltung zur Immobilienwirtschaft bei der du da (scheinbar zufällig) warst und in welcher Rolle warst du dort? Mich interessiert wirklich sehr zu verstehen was es war und wie du rein gekommen bist. Würde mich über eine kurze Email-Antwort freuen. Ich schreibe gerade an etwas und könnte die Info ggf. für meine Recherche gut brauchen.
    Liebe Grüße
    John

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  4. David

    Hi 👋 ich finde doch einige eurer Aussagen widersprüchlich 1. Ihr wollt einen emanzipierten Arbeiter aber jetzt wo die Vorraussetzungen dafür einmal durch die Demographie gegeben wäre wollt ihr unbedingt Einwanderung. 2. Wohnungsmangel wenn es jetzt schon fast unmöglich ist eine Wohnung in einer Großstadt zu bekommen wie kommt ihr darauf daß wir uns so massive Zuwanderung leisten können. Zumal die Flüchtlinge auch sicher nicht aufs Land wollen.

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  5. Rolf Randy

    Man könnte ja die Welt irgendwie ummodeln, die Wall Street und Larry Finks Aladin durch künstliche Intelligenz – ich glaube, im Speziellen ChatGPT – zu etwas Besserem machen… Sowas habe ich irgendwie in letzter Zeit medial als Idee, vielleicht bei Fefe oder irgendwo anders, mitbekommen. Ich denke, so können wir uns das auch vorstellen, denn es gibt auch noch den anderen Larry, und der ist nach dem Putsch-Coup bei OpenAI, den wir uns noch nicht richtig erklären können, jetzt bei OpenAI auf einmal im Board.

    Diese sehr einflussreiche Person und Nachfahre zweier Wirtschaftsnobelpreisträger dürfte auch irgendwie in Verbindung mit unserer Flinten-Uschi, die auch an der LSE war, über zwei oder drei andere Personen stehen. Es geht ja um Networking. Und was da im Keller von OpenAI abläuft, muss etwas Wirtschaftliches gewesen sein, sonst hätte Ilya Sutskever, der Kumpel vom Musk, nicht so auf den Tisch gehauen. Und dass der andere Larry, also Summers, nicht Fink, jetzt da in Chefposten ist, ist sehr beachtlich.

    Insgesamt ist aber die Policy der Neocons, also Aufweichen des Mittelbaus zugunsten schnellerer Entwicklung und Erfindung, damit fortgesetzt. Die Milliardäre haben aber meiner Meinung nach viel mehr Macht als die Politiker in zurückliegenden Epochen, was teilweise auch positiv sein kann. Bei uns laufen auch die Fäden durchs Land, nicht nur mit Flinten-Uschi, sondern auch mit Matthias Springer, Chef der Musks zur Twitter-Akquisition überzeugt hat. Es gibt mit Anduril und auch Palantir, Chef und bester Buddy von Peter Thiel, auch eine Frankfurter Connection. Wir hätten vielleicht den Amerikanern drohen sollen, ihre Drohnen nicht mehr über unsere Glasfaser laufen zu lassen, bevor die uns de facto das Gas aus Russland abdrehen und künftig mit Starlink ihr Spiel von Divide et Impera in allen Dimensionen fortsetzen. Wir müssen gucken, wo wir da bleiben.

    Das für das bedrohliche für unsere Generation halte ich aber jenseits von Familienpolitik das quantitative easing. Und ich weiss nicht was man gegen diese Geldpolitik machen kann, hält man sich an John J. Mearsheimer, könnte man irgendwie argumentieren, damit wird fruchtbarer Boden wie etwa das was in der Weimarer Republik entstanden ist verhindert, so verhindern wir eine Katastrophe andererseits gibt es diese meiner Beobachtung gerade wegen dieser Geldpolitik schon in England, wo wir aber eine Multiethnische Gesellschaft mit Mit Sunak Jenseits dieser Gefahr sehen können.

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  6. finsterer mittelalter

    Stefans KI-Porno Einschätzung findet gleich Nährboden: https://www.heise.de/news/KI-Anwendungen-zur-Entkleidung-von-Fotos-boomen-ganz-sichtbar-im-Internet-9570479.html
    Das ist dann wohl noch die Übergangsphase…

    Bin nicht schuld, dass aus dem Mittelalter nicht eine (sic) bekannte erhaltene Folterkammer übrig ist. Mit der Renaissance wurde das Mittelalter als finster bezeichnet und die meisten Quellen zu Folter aus dem Mittelalter stammen aus jener Zeit oder späteren Epochen. Diese Realität wurde von den damaligen und heutigen Massenmedien so geschaffen und es ist verständlich diesen Begriff zu nutzen. Wollte nur anregen, dass es auch objektiveres dazu gibt. Gut und Böse ist so Dornröschen oder Star Wars und so unpassend für die neuen Zwanziger.

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    1. Anonymous

      es gibt sogar eine eigene Wikipedia-Seite, wo Mythen aufgerollt werden über das „finstere Mittelalter“. https://de.wikipedia.org/wiki/Finsteres_Mittelalter
      Das Problem ist, dass so getan wird, als wenn es zu der Zeit kein Fortschritt gegeben habe oder dergleichen (3 Beispiele dagegen: die ersten Universitäten in Europa wie die Sorbonne wurden im Mittelalter gegründet und ein paar wichtige medizinische Praktiken wie die Quarantäne oder das Kühlen von Fieber stammen aus der Zeit)
      Dazu wird dann auch sowas wie der Sturm von Barbaren genannt, der diese düstere Zeit eingeläutet habe, z.B. aufgrund der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria (von der man aber sonst kaum was weiß) oder dem „Untergang Roms“, das davor und danach noch ein paar Mal untergegangen ist wie z.B. als Caesar ermordet wurde oder als das Oströmische Reich untergegangen ist)

    2. Anonymous

      aaah das dritte Beispiel sind die demokratischen Elemente, die in Stadtregierungen (vor allem in den norditalienischen Stadtrepubliken, aber auch überall, wo es Stadträte und starke Zünfte gab) wiedergefunden werden können und sich zu der Zeit ausgebildet haben

  7. Anonymous

    Was ist den mit Videos abseits von den kurzen Gags und Gimmick-Videos? Auf youtube nannte Upper Echolon das z.B. „Evergreen Content“ https://youtu.be/kw_nY-tMuHE?feature=shared
    Das sind Videos, die quasi linear wachsen und erst in einem Jahr oder sowas eine wirklich große Zuschauerschaft haben. Davon gibt es inzwischen auch nicht zu wenige wie z.B. „What the Internet did to Garfield“ (und der yt-Kanal dahinter) oder Simplicissimus oder Hbomberguy (der ein 2h-Video gemacht hat über die Herkunft des Uff-Sounds von Roblox, was überleitete zu einer Abhandlung über Urheberschaft im Internet und warum das heutzutage schwerer und schwerer wird, Leuten gebührenden Credit zu geben) und solche Video Essays.
    Ein bisschen parallel dazu ist ja auch Joe Rogan, der 3-h-Podcasts macht und Leute hören sich sowas anscheinend gerne an.

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    1. Anonymous

      achso und: es gibt bereits die „Dead Internet Theory“, die besagt, dass der meiste Verkehr im Internet Bots und Maschinen seien (z.B. Webcrawler/ Spider crawler — aber die Theorie stammt halt selbst aus dem Internet bzw. eben 4chan erstmal, was zwiespältig ist). Durch ChatGPT kann das nur nochmal automatisiert und extremer gemacht werden

      ein wichtiger Punkt ist auch, dass dann nochmal nivelliert wird durch Industrial Control Systems, also Industrieanlagen oder IoT, die über das Internet bedient werden (was eigentlich extrem gefährlich ist) und die auch nochmal ein riesigen Anteil am Internet ausmachen.

  8. Johanna

    Lieber Wolfgang,
    in dieser Ausgabe hast Du einen Podcast erwähnt, in dem es um Musik und Marken ging und in dem wohl jemand zu Wort kommt, der diese Beiden miteinander verknüpft um Werbung in Songs unterbringen zu können. Gerne würde ich mir diesen Podcast anhören, leider blieb aber der Name unerwähnt. Würde mich sehr freuen, wenn Du mir den verraten könntest.

    Euch Beiden nun noch ein Gutes Neues Jahr und danke für Euren wunderbaren Podcast.

    Liebe Grüße
    Johanna

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